Werbebeitrag/ Autorin: Anne Klein

ADHS-Zahlen bei Kindern steigen

Neue Auswertungen von Krankenkassendaten bestätigen einen Anstieg der diagnostizierten Fälle von ADHS-Betroffenen. Gleichzeitig warnen Fachleute davor, aus steigenden Diagnosezahlen vorschnell zu schließen, dass tatsächlich immer mehr Kinder an ADHS erkranken. Denn zwischen der Häufigkeit einer Erkrankung und der Häufigkeit ihrer Diagnose besteht ein wichtiger Unterschied. ADHS gehört zu den häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter. Typisch sind anhaltende Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit, eine ausgeprägte Impulsivität und bei manchen eine starke körperliche Unruhe. Die Ausprägung ist individuell sehr unterschiedlich. Entscheidend für die Diagnose ist nicht, ob ein Kind gelegentlich unkonzentriert, verträumt oder besonders lebhaft ist. Die Symptome müssen über längere Zeit bestehen, in mehreren Lebensbereichen auftreten und den Alltag deutlich beeinträchtigen. Wie häufig ADHS tatsächlich vorkommt, lässt sich deshalb nicht mit einer einzigen Zahl beantworten. Das Robert Koch-Institut geht auf Grundlage verschiedener Datenquellen von ­ungefähr fünf Prozent Betroffenen aus.

Krankenkassendaten

Eine 2026 im „Deutschen Ärzteblatt“ veröffentlichte Untersuchung analysierte anonymisierte Abrechnungsdaten aus den Jahren 2017 bis 2023. Für das Jahr 2023 wurde bei Kindern und Jugendlichen 3,6 Prozent Betroffene ermittelt. Über den untersuchten Zeitraum nahm die Häufigkeit der dokumentierten ADHS-Diagnosen leicht zu. Auch die Nutzung medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlungen stieg etwas an.

Diese Zahlen sind bemerkenswert, müssen aber richtig eingeordnet werden. Krankenkassendaten erfassen Diagnosen, die im Rahmen der medizinischen Versorgung dokumentiert wurden. Sie zeigen damit vor allem, wie viele Kinder eine entsprechende Diagnose erhalten haben. Ob die tatsächliche Häufigkeit der Störung im gleichen Maße gestiegen ist, lässt sich daraus allein nicht ableiten.

Genau diese Frage beschäftigt die Forschung bereits seit Jahren. Schon die ersten Auswertungen der bundesweiten KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts ergaben, dass bei 4,8 Prozent der untersuchten Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren irgendwann ADHS diagnostiziert worden war. Jungen waren mit 7,7 Prozent deutlich häufiger betroffen als Mädchen mit 1,8 Prozent. Die Diagnosehäufigkeit nahm mit dem Alter zu und erreichte bei Jugendlichen besonders hohe Werte.

Bei der späteren ersten KiGGS-Follow-up-Erhebung zwischen 2009 und 2012 lag die Zahl der von Eltern berichteten ärztlichen oder psychologischen ADHS-Diagnosen bei fünf Prozent. Gegenüber der ersten Erhebung zeigte sich dabei kein statistisch signifikanter Anstieg. Das war insofern interessant, als Krankenkassendaten aus demselben Zeitraum bereits auf steigende Diagnosezahlen hingedeutet hatten.

Verändertes Bewusstsein

Warum können beide Beobachtungen gleichzeitig richtig sein? Ein Grund könnte darin liegen, dass sich das Bewusstsein für ADHS verändert hat. Eltern, Lehrkräfte und medizinisches Personal erkennen mögliche Symptome heute möglicherweise früher und sprechen häufiger darüber. Auch die diagnostischen Möglichkeiten und die Inanspruchnahme medizinischer und psychotherapeutischer Angebote haben sich verändert. Wenn mehr Kinder untersucht werden und bestehende Probleme häufiger erkannt werden, kann die Zahl der Diagnosen steigen, ohne dass sich die biologische Häufigkeit der Störung im gleichen Umfang verändert.

Auch soziale Faktoren spielen eine Rolle. Bereits die KiGGS-Untersuchungen zeigten, dass ADHS-Diagnosen bei Kindern aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status häufiger waren als bei Kindern aus Familien mit hohem sozioökonomischem Status. Das bedeutet allerdings nicht, dass soziale Benachteiligung automatisch ADHS verursacht. Vielmehr können unterschiedliche Lebensbedingungen, Belastungen, Zugänge zum Gesundheitssystem und die Wahrscheinlichkeit einer diagnostischen Abklärung zusammenwirken.

Auffällig ist zudem der große Unterschied zwischen Jungen und Mädchen. Jungen erhalten wesentlich häufiger eine ADHS-Diagnose. Wissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass ADHS bei Mädchen teilweise übersehen werden kann. Bei ihnen stehen häufiger Unaufmerksamkeit, innere Unruhe oder verträumtes Verhalten im Vordergrund, während die auffällige Hyperaktivität, die bei Jungen häufiger beobachtet wird, weniger stark ausgeprägt sein kann.

Die Diagnose sollte daher sorgfältig erfolgen. Sie berücksichtigt die Entwicklung des Kindes, seine Lebenssituation und die Beobachtungen aus unterschiedlichen Bereichen. Auch andere Ursachen für Konzentrationsprobleme, Lernschwierigkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten müssen berücksichtigt werden. Schlafmangel, psychische Belastungen, Lernstörungen oder andere Erkrankungen können beispielsweise ähnliche Probleme verursachen.