Werbebeitrag/ Autor Peter M. Crause
Medikamentenmangel im Fokus
Lieferengpässe bei Medikamenten gehören seit Jahren zum Alltag in Apotheken. Mal fehlt ein Antibiotikum für Kinder, mal ein Blutdrucksenker oder ein Krebsmedikament. Für Patientinnen und Patienten wirkt das oft wie ein überraschender Ausnahmezustand, für Fachleute ist es längst ein strukturelles Problem. Ende 2025 ist nun ein Instrument an den Start gegangen, das genau hier ansetzen soll: das deutsche Frühwarnsystem für die Arzneimittelversorgung. Entwickelt und betrieben wird es vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, kurz BfArM. Die Idee dahinter ist so naheliegend wie überfällig: Probleme sollen erkannt werden, bevor sie sich in der Versorgung bemerkbar machen.
Seit dem Start sammelt das System kontinuierlich Daten aus unterschiedlichen Bereichen. Pharmaunternehmen melden Produktionsänderungen, geplante Marktrücknahmen oder Verzögerungen bei der Herstellung. Hinzu kommen Informationen aus dem Großhandel und aus Apotheken, etwa zur tatsächlichen Verfügbarkeit einzelner Präparate. Ergänzt wird das durch Auswertungen von Verordnungszahlen und Verbrauchsentwicklungen. Aus diesen Bausteinen entsteht ein Lagebild, das zeigen soll, wo sich Engpässe anbahnen und wie kritisch sie einzuschätzen sind.
Wichtige Veränderungen
Neu ist dabei weniger die einzelne Information als ihre Bündelung. Was früher fragmentiert vorlag oder erst spät auffiel, wird nun systematisch zusammengeführt und ausgewertet. Seit Ende 2025 ist dieses Lagebild nicht mehr nur ein internes Analyseinstrument, sondern Grundlage für konkrete Maßnahmen. Fachkreise werden frühzeitig informiert, Behörden können schneller reagieren, und Apotheken erhalten Hinweise, die ihnen Spielraum bei der Versorgung verschaffen sollen. Für die meisten Patientinnen und Patienten bleibt dieser Prozess unsichtbar – und genau darin liegt der Anspruch des Systems. Idealerweise wird ein drohender Engpass abgefedert, bevor er im Alltag ankommt.
So sinnvoll das neue Instrument ist, so klar sind auch seine Grenzen. Das Frühwarnsystem ist kein Reparaturbetrieb für eine fragile Arzneimittelversorgung, sondern ein Beobachtungs- und Steuerungswerkzeug. Es macht Risiken sichtbar, zeigt Abhängigkeiten auf und schafft eine gemeinsame Datengrundlage für alle Beteiligten. Gerade diese Transparenz gilt als großer Fortschritt, weil Entscheidungen nicht mehr nur auf Einzelmeldungen oder Erfahrungswerten beruhen, sondern auf einem breiteren Überblick.
Nur ein Faktor von vielen
Aus Sicht der pharmazeutischen Industrie wird das System grundsätzlich begrüßt, allerdings mit einer wichtigen Einschränkung. Branchenvertreter betonen, dass frühe Informationen helfen können, Lieferketten besser zu steuern und Engpässe realistischer einzuschätzen. Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass ein Frühwarnsignal allein keine zusätzlichen Produktionskapazitäten schafft. Wenn Wirkstoffe nur von wenigen Herstellern weltweit produziert werden oder einzelne Fabriken den globalen Markt versorgen, lassen sich Ausfälle nicht kurzfristig kompensieren – egal, wie früh sie erkannt werden.
Hinzu kommt ein wirtschaftlicher Aspekt, den Unternehmen seit Jahren ansprechen. Viele der besonders häufig von Engpässen betroffenen Arzneimittel sind preisgünstige Standardpräparate. Der Preisdruck ist hoch, die Margen sind gering, und Produktionsverlagerungen in Länder mit niedrigeren Kosten waren lange politisch gewollt oder zumindest akzeptiert. Aus Sicht der Industrie kann ein Frühwarnsystem diese Rahmenbedingungen nicht verändern, es kann höchstens sichtbar machen, wo sie besonders problematisch werden. Einige Hersteller fordern daher ergänzende Maßnahmen, etwa verlässlichere Preise oder gezielte Anreize für eine Produktion in Europa.
Auch in Apotheken wird das System zweideutig gesehen. Positiv ist, dass Engpässe sich häufiger ankündigen und Alternativen früher geprüft werden können. Gleichzeitig bleibt der Aufwand hoch, denn das eigentliche Management der Knappheit findet weiterhin vor Ort statt. Das Frühwarnsystem liefert Informationen, aber die praktische Umsetzung – Beratung, Umstellung, Rückfragen – bleibt Alltag der Versorgung.
Schlussendlich zeigt sich: Das deutsche Frühwarnsystem für die Medikamentenversorgung ist ein wichtiger Schritt, aber kein Befreiungsschlag. Es hilft, Probleme früher zu erkennen und besser zu koordinieren. Es ersetzt jedoch keine industriepolitischen Entscheidungen und keine langfristige Strategie für stabile Lieferketten. Als Werkzeug ist es nützlich, als Lösung reicht es nicht aus. Dennoch markiert sein Start einen Wendepunkt: Weg vom reinen Reagieren, hin zu einem besseren Überblick über ein System, das lange als unübersichtlich galt.
