Werbebeitrag/ Autorin: Anne Klein
Neuer Adipositas-Grenzwert?
Der Body-Mass-Index berechnet sich aus dem Verhältnis von Körpergewicht zur Körpergröße und teilt Menschen in Kategorien wie Normalgewicht, Übergewicht und Adipositas ein. Doch zunehmend wird Kritik laut: Ist der BMI noch zeitgemäß, oder brauchen wir einen neuen Grenzwert – vielleicht sogar ein ganz neues System zur Bewertung von Körperfett und Gesundheitsrisiken?
Der größte Vorteil des BMI liegt in seiner Einfachheit. Er ist schnell berechnet, benötigt keine aufwendige Technik und erlaubt eine grobe Einordnung großer Bevölkerungsgruppen. Gerade in der Epidemiologie und Public Health hat er sich deshalb als nützliches Instrument etabliert. Allerdings basiert der BMI auf einer vereinfachten Annahme: dass Körpergewicht in Relation zur Größe ausreichend ist, um Gesundheitsrisiken abzuschätzen. Diese Annahme gerät zunehmend ins Wanken.
Ein zentraler Kritikpunkt ist, dass der BMI nicht zwischen Muskelmasse und Fettmasse unterscheidet. Ein durchtrainierter Mensch kann denselben BMI haben wie eine Person mit hohem Körperfettanteil, obwohl die gesundheitlichen Risiken völlig unterschiedlich sind. Ebenso berücksichtigt der BMI nicht, wo sich Fett im Körper befindet. Dabei gilt insbesondere viszerales Fett, also Fett im Bauchraum, als besonders gesundheitsschädlich.
Menschen mit einem normalen BMI können dennoch ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes haben, wenn sie viel Bauchfett besitzen – ein Phänomen, das als „normalgewichtige Adipositas“ beschrieben wird.
Frauen und Männer
Auch alters- und geschlechtsspezifische Unterschiede bleiben beim BMI unberücksichtigt. Ältere Menschen verlieren oft Muskelmasse, wodurch ihr BMI sinken kann, obwohl der Körperfettanteil steigt. Bei Frauen und Männern unterscheidet sich die Fettverteilung ebenfalls deutlich, was sich im BMI nicht widerspiegelt. Zudem gibt es ethnische Unterschiede: Bei asiatischen Populationen treten gesundheitliche Risiken bereits bei niedrigeren BMI-Werten auf, weshalb dort teilweise andere Grenzwerte empfohlen werden.
Vor diesem Hintergrund wird verstärkt über alternative Messmethoden diskutiert. Ein häufig genannter Kandidat ist der Taillenumfang oder das Verhältnis von Taille zu Körpergröße. Diese Maße geben Hinweise auf die Fettverteilung und sind eng mit metabolischen Risiken verbunden. Auch bildgebende Verfahren oder bioelektrische Impedanzanalysen können den Körperfettanteil genauer bestimmen, sind jedoch im Alltag aufwendiger und teurer.
Ein weiterer Ansatz ist die Kombination mehrerer Parameter. Anstelle eines einzelnen Grenzwerts könnte ein multidimensionales Modell treten, das BMI, Taillenumfang, Blutwerte und Lebensstilfaktoren einbezieht. Ein solcher Ansatz würde der Komplexität von Adipositas besser gerecht werden, stellt jedoch höhere Anforderungen an Diagnostik und Interpretation. Denkbar sind etwa Risikoscores, die ähnlich wie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen individuelle Faktoren gewichten und daraus eine personalisierte Einschätzung ableiten.
„Metabolische“ Gesundheit
In der wissenschaftlichen Diskussion gewinnt zudem der Begriff der „metabolischen Gesundheit“ an Bedeutung. Nicht jeder Mensch mit einem erhöhten BMI weist automatisch krankhafte Stoffwechselveränderungen auf, während umgekehrt auch Personen mit normalem Gewicht metabolische Störungen entwickeln können. Faktoren wie Insulinresistenz, Blutfettwerte oder Entzündungsmarker liefern oft ein genaueres Bild des tatsächlichen Gesundheitszustands als das Körpergewicht allein. Dies spricht dafür, Adipositas stärker als komplexe chronische Erkrankung zu verstehen und weniger als rein äußerlich sichtbaren Zustand.
Auch die praktische Umsetzung neuer Bewertungsmodelle wirft Fragen auf. Während der BMI weltweit etabliert und leicht verständlich ist, könnten komplexere Systeme im Alltag schwerer anzuwenden sein – insbesondere in der hausärztlichen Versorgung oder in ressourcenschwachen Regionen. Hier zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Genauigkeit und praktischer Umsetzbarkeit. Ein idealer Ansatz müsste beide Aspekte miteinander verbinden: ausreichend präzise, um individuelle Risiken zu erfassen, und zugleich einfach genug, um breit eingesetzt werden zu können.
Hinzu kommt eine gesellschaftliche Dimension. Der BMI wird nicht nur medizinisch genutzt, sondern auch in Fitnessprogrammen, Versicherungen oder öffentlichen Gesundheitskampagnen. Eine Ablösung oder grundlegende Veränderung dieses Maßstabs hätte daher weitreichende Folgen.
Trotz aller Kritik plädieren viele Fachgesellschaften nicht für die Abschaffung des BMI, sondern für seine Ergänzung. Der BMI kann weiterhin als erstes Screening-Instrument dienen, sollte aber durch weitere Messgrößen ergänzt werden, um individuelle Gesundheitsrisiken genauer zu erfassen.
