Wichtige Zeichensprache

Werbebeitrag/ Autor: Peter M. Crause

Wichtige Zeichensprache

Es gibt Momente, in denen Sprache versagt. Das gilt besonders für Situationen, in denen Menschen von jemandem verletzt werden, der ihnen eigentlich nahestehen sollte. Häusliche Gewalt bleibt oft unsichtbar, weil Betroffene Angst haben, sich schämen oder keine sichere Möglichkeit finden, auf sich aufmerksam zu machen. Genau hier kommt ein unscheinbares Zeichen ins Spiel, das in den vergangenen Jahren weltweit bekannt geworden ist: der Daumen, der in die Faust wandert.

Was wie eine beiläufige Bewegung aussieht, ist in Wirklichkeit ein Hilferuf. Der Handrücken zeigt nach außen, vier Finger strecken sich zunächst gerade nach oben, dann senkt sich der Daumen in die Handfläche, und zum Schluss schließen sich die Finger darüber. Dieser Ablauf dauert nur Sekunden, ist diskret und funktioniert sowohl in Videoanrufen als auch auf der ­Straße, im Alltag, überall dort, wo man nicht offen sprechen kann. Viele, die das Signal kennen, beschreiben es als bedrückend simpel, weil es zeigt, wie wenig Raum Betroffenen oft bleibt, um auf sich aufmerksam zu machen.

Trotz seiner Einfachheit ist das Zeichen keine Selbstverständlichkeit. Es existiert, weil Menschen seit Langem nach Wegen suchen, Gewalt sichtbar zu machen, ohne sich selbst weiter zu gefährden. Organisationen, Beraterinnen und Betroffene haben daran mitgearbeitet, dass es sich verbreitet. Und doch wissen viele nicht, was es bedeutet. Manche stoßen erst darauf, wenn es in den Nachrichten erwähnt wird, andere erfahren durch Freundinnen, durch Social Media oder durch Kampagnen davon. Je breiter die Reichweite, desto größer die Chance, dass ein stiller Hilferuf nicht übersehen wird.

So kann ein Handzeichen Sicherheit schaffen

Bei häuslicher Gewalt geht es selten nur um körperliche Verletzungen. Kontrolle, Einschüchterung und Isolation spielen ebenso eine Rolle. Wer betroffen ist, steht oft unter Beobachtung – sei es im eigenen Zuhause, im Büro oder beim gemeinsamen Einkauf. Ein Hinweis, der nicht sofort als solcher zu erkennen ist, kann in solchen Situationen überlebenswichtig sein. Ein kurzes Handzeichen lässt sich schnell zeigen und ebenso schnell wieder verbergen. Trotzdem hat es ein klares Ziel: jemanden erreichen, der hinschaut, nachfragt und Unterstützung anbietet.

Für Außenstehende bedeutet das allerdings Verantwortung. Wer das Zeichen sieht, sollte nicht vorschnell handeln und die Situation zusätzlich gefährden. Ein unauffälliger Check-in, vielleicht eine Nachricht wie „Geht es dir gut?“ oder „Kann ich dir irgendwie helfen?“, kann schon ein Anfang sein. Wenn die betroffene Person antwortet und Hilfe möchte, gilt es, ­passende Unterstützung zu organisieren – ob durch Beratungsstellen, Hotlines oder durch eine Person des Vertrauens. Es geht darum, zuzuhören und gemeinsam den nächsten Schritt zu überlegen, ohne Druck auszuüben.

In vielen Ländern haben Beratungsstellen das Handzeichen bereits in ihre Informationsmaterialien aufgenommen. Schulen und Unternehmen nutzen es in Workshops, um Bewusstsein für häusliche Gewalt zu schaffen. Gleichzeitig betonen ­Fachleute, dass das Zeichen kein Ersatz für professionelle Unterstützung ist. Es ist ein Türöffner, ein Moment, der Aufmerksamkeit schafft und Betroffenen signalisiert: „Du wirst gesehen.“ Doch der eigentliche Weg zurück in die Sicherheit ist oft länger und braucht Menschen, die begleiten, ohne zu urteilen.

Hinsehen und handeln

Das Handzeichen ist ein Symbol, aber es steht für reale Geschichten. Geschichten von Menschen, die sich nicht trauen konnten, laut um Hilfe zu rufen, und trotzdem eine Möglichkeit gefunden haben. Geschichten von Nachbarinnen, Kolleginnen, Fremden in öffentlichen Verkehrsmitteln, die aufmerksam waren und damit etwas ausgelöst haben. Die stille Geste erinnert daran, dass Unterstützung manchmal genau dort beginnt, wo man bereit ist, hinzuschauen.

Gleichzeitig zeigt sie, wie wichtig es ist, über häusliche Gewalt zu sprechen – offen, ohne Scham und ohne falsche Zurückhaltung. Jeder kann dazu beitragen, dieses Wissen weiterzugeben. Ein Gespräch im Freundeskreis, ein Hinweis in einer Schulklasse, eine Erwähnung im Teammeeting. Je mehr Menschen das Zeichen kennen, desto eher kann es in der entscheidenden Situation wirken.